Das Zeitproblem im Zentralabitur: Textflut vs. Schreibzeit
In den schriftlichen Abiturprüfungen der Bundesländer (insbesondere in den Fächern Deutsch, Geschichte, Politik/Wirtschaft und Religion/Ethik) hat sich der Umfang des bereitgestellten Text- und Quellenmaterials in den letzten Jahren drastisch erhöht. Ein modernes Prüfungsdossier im Deutsch-Leistungskurs umfasst oft:
- Einen literarischen Primärtext (Dramenauszug, Kurzgeschichte, Romanpassage) mit 1.200 bis 1.800 Wörtern
- Einen oder zwei literaturwissenschaftliche Sekundärtexte mit weiteren 1.000 bis 1.500 Wörtern
- Komplexe dreiteilige Aufgabenstellungen nach den Anforderungsbereichen I (Wiedergabe), II (Analyse) und III (Erörterung / Urteilsbildung)
Wer mit einem verlangsamten Lesetempo von 160 bis 180 WPM liest, benötigt für das zweimalige aufmerksame Durcharbeiten des Textmaterials bereits über 35 bis 40 Minuten. Zählt man das Sichten der Aufgabenstellungen und das Nachschlagen unklarer Begriffe hinzu, ist die erste Prüfungsstunde vergangen, ohne dass eine einzige Zeile des Aufsatzes verfasst wurde.
Die 4-Phasen-Strategie für fünfstündige Abiturprüfungen
Erfahrene Gymnasiallehrkräfte und Prüfungskorrektoren empfehlen für eine 315-minütige Abiturprüfung (Deutsch LK) folgende exakte Zeiteinteilung:
| Phase | Zeitfenster | Aufgabe | Ziel-Geschwindigkeit |
|---|---|---|---|
| 1. Textauswahl & Erstdurchgang | 0:00 – 0:45 Std. | Sichten der Aufgabenvorschläge, Wahl des Themas, 1. Lektüre | 240 – 270 WPM |
| 2. Analyse & Gliederung | 0:45 – 1:30 Std. | 2. analytischer Lesegang, Sinnabschnitte, Schreibplan | 190 – 220 WPM (Detailarbeit) |
| 3. Schreibphase | 1:30 – 4:30 Std. | Flüssige Niederschrift (Einleitung, Hauptteil, Schluss) | Kontinuierlicher Schreibfluss |
| 4. Endkorrektur | 4:30 – 5:15 Std. | Rückwärtslesen gegen Rechtschreibfehler, Zeichensetzung | 140 – 160 WPM (Mikro-Fokus) |
Pragmatische Sachtexte vs. literarische Primärtexte
Ein folgenschwerer Fehler vieler Abiturienten ist es, alle Texte mit demselben monotonen Lesemodus anzugehen. Die Anforderung variiert fundamental:
Sachtextanalyse (z. B. Essay, Rede, Glosse)
Hier geht es um die rationale Argumentationsstruktur: Wo steht die These? Welche Prämissen werden angeführt? Wie widerlegt der Autor Gegenargumente? Sachtexte erlauben ein hohes Grundtempo von 250 bis 280 WPM, da die Gedankengänge logisch aufeinander aufbauen.
Literarische Texte (Drama, Lyrik, Epik)
Literarische Sprache lebt von Auslassungen, Metaphern, sprachlichen Bildern und historischem Satzbau. Hier führt ein zu schnelles Überfliegen zum Übersehen wesentlicher Wendepunkte (Peripetie). Ein bedächtigeres Tempo von 200 bis 230 WPM ist hier das didaktische Optimum.
Vom Abitur zum Staatsexamen: Das Lesevolumen in den Rechtswissenschaften
Für Abiturienten, die ein Studium der Rechtswissenschaften (Jura) oder Medizin anstreben, vervielfacht sich das Lesevolumen an der Universität schlagartig:
Im Ersten Juristischen Staatsexamen umfasst der Sachverhalt einer zivilrechtlichen oder strafrechtlichen Klausur oft 8 bis 14 Seiten voller Urkundenauszüge, Zeugenaussagen und chronologischer Vorfälle. Wer hier nicht über eine trainierte Lesegeschwindigkeit von 280 bis 320 WPM verfügt, verliert wertvolle Zeit, die bei der komplizierten Subsumtion unter Paragrafen des Bürgerlichen Gesetzbuches (BGB) oder Strafgesetzbuches (StGB) schmerzhaft fehlt.